Das Bauhaus im Lutherland

Interview mit einem Pionier

Das Bauhaus hat seinen Ursprung im Lutherland. Wer hätte das gedacht?! Gegründet wurde es 1919 von Walter Gropius in Weimar. 1925 zog es nach Dessau um und wirkte dort weiter. Es ist nach wie vor die einflussreichste Schule für Design, Architektur und Kunst der Moderne und hat auch unser Denken revolutioniert.

Ehe wir beginnen, eine kurze Einführung zur Person unseres Interviewgastes: Der Architekt Walter Gropius entstammt einer protestantischen Familie der Berliner Oberschicht. Im Jahr 1919 kommt er nach Weimar und gründet dort das „Staatliche Bauhaus“. Von Weimar aus führt die Lebensspur des Ausnahmekünstlers nach Dessau und zurück nach Berlin, ehe er den Kontinent verlässt und in Amerika eine neue Heimat findet. Im Alter von 86 Jahren stirbt er in Boston.  Wir stellen uns vor, wir hätten hier und heute noch einmal die Chance mit dem Pionier der Moderne zu sprechen. Vielleicht finden wir Antworten auf einige Fragen.

Herr Gropius, Weimar ist bekannt als Stadt der Klassik. Goethe und Schiller lebten hier. Die Weimarer Herzöge hatten ab dem 18. Jahrhundert einen Kulturkosmos in ihrer Residenzstadt erschaffen, der jetzt zum UNESCO-Welterbe gehört. Wie kam es, dass Sie sich ausgerechnet hier niederließen, um 1919 das „Staatliche Bauhaus“ zu gründen?

Das hängt mit Henry van de Velde zusammen, dem ehemaligen Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildenden Kunst im thüringischen Weimar. Er hatte mich schon 1915 als seinen Nachfolger ins Gespräch gebracht.  Allerdings war dann erstmal Krieg. Als ich 1919 in Weimar ankam, gab es keinen Großherzog mehr. Eine Umbenennung war zwangsläufig. Ich wählte den Namen „Staatliches Bauhaus“, was auch gleichzeitig Programm war.

Das ist ein gutes Stichwort. Warum „Bauhaus“? Das klingt so einfach.

Das soll es auch sein. Der Name steht für die Verschmelzung von Kunst und Handwerk. Es geht darum unsere Lebenswelt zu gestalten: einfach, praktisch und doch schön. Wenn Sie so wollen, ist es auch eine Anspielung auf die Bauhütten der mittelalterlichen Kathedralen.

Wie hat man Ihren Ansatz seinerzeit in Weimar aufgenommen? 

Ich bin ehrlich gesagt immer noch erstaunt, dass die Stadt die Gründung befördert hat. Tatsächlich war die Atmosphäre in Weimar eher konservativ. Wir haben die braven Weimarer Bürger mit unseren neuen Gedanken wohl oft überfordert. Eine Zeitlang drohte man sogar Kindern mit uns: „Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Bauhaus!“ Das war natürlich irritierend. Und ich will nicht leugnen, dass es auch finanziell ein ständiger Kampf war.

Bauhaus-Museum Weimar 

Das neue Bauhaus-Museum in Weimar eröffnete im Jubiläumsjahr 2019. Es beherbergt die weltälteste Bauhaus-Sammlung und gibt Einblick in das Leben am Bauhaus in den frühen Jahren sowie in die Gedankenwelt der Bauhäusler. Bild: Thomas Müller, Klassik Stiftung Weimar 

 

Aber Sie haben trotz der widrigen Umstände einiges erreicht in Weimar, nicht wahr?

Allerdings. Wir haben Grundlagen gelegt, mit Traditionen gebrochen und sind für ein neues, befreites Lebensgefühl eingetreten. 1923 hatten wir sogar eine erste Internationale Bauhausausstellung. Dafür wurde das Haus Am Horn geschaffen, als Model für neues Wohnen, inklusive Interieur! Das alles war mehr als Architektur. Es war eine Explosion des Kreativen auf allen Gebieten. Und gefeiert haben wir! Vielleicht sollten Sie sich einmal das 2019 eröffnete Bauhaus-Museum in Weimar anschauen. Da sind noch Fotos zu sehen, und natürlich jede Menge originaler Werke von Bauhaus-Schülern und Meistern. Sie erfahren dort auch mehr über unser Denken und Leben.

Das Museum kennen wir natürlich. Ein hochinteressanter Ort! Ihre Zeit in Weimar endete 1924 und sie gingen nach Dessau. Wie kam das?

Die politischen Umstände hatten sich nach der Wahl in Thüringen im Februar 1924 für uns verschlechtert. Eine neue, sehr konservative Regierung setzte uns finanziell und politisch stark unter Druck. Also verließen wir Weimar schweren Herzens im Dezember 1924. Ab 1925 ging es dann in Dessau weiter. Dort bot uns Hugo Junkers eine Förderung. Und die politischen Umstände waren freier und liberaler. Wir sahen eine Zukunft für unsere Ideen in Dessau.

Die Jahre in Dessau waren sehr produktiv. Waren Ihnen denn alle Meister gefolgt?

Nicht alle. Aber viele kamen mit. Darunter Marcel Breuer, der in Dessau die ersten Möbel aus Stahlrohr entwickelte, oder Ludwig Mies van der Rohe, der dann 1930 Direktor des Bauhauses wurde.  Laszlo Moholy-Nagy  und Lyonel Feininger war auch mit von der Partie. Sie wohnten in den Meisterhäusern, die ich konzipiert hatte. Genau wie Wassily Kandinsky und Paul Klee. Das war schon eine besondere Zeit.

Meisterhäuser in Dessau 

Eine kleine Siedlung bestehend aus drei Doppelhäusern nach Entwürfen von Gropius. Hier wohnten die Bauhausmeister Feininger, Klee, Kandinsky, Muche, Schlemmer und Moholy-Nagy. Bild: Julia Nimke, Deutsche Zentrale für Tourismus e.V. 

 

Gab es denn auch Frauen am Bauhaus?

Ja natürlich, Frauen auch. Die vergesse ich immer.  Warten Sie mal, da war zum Beispiel Marianne Brandt. Sie kennen sicher ihre Teekessel. Sie hat auch die Lampen am Bauhaus Dessau entworfen. Dann war da Alma Buscher mit ihren Funktionsmöbeln und Spielzeugentwürfen wie dem Schiffbauspiel. Gunta Stölzl, die uns in Dessau mit ihrer Weberei zu beachtlichen Einnahmen verholfen hat. Aber mit den Frauen ist das immer so eine Sache gewesen. 

Was meinen Sie damit?

Es führte zu Kritik, dass Frauen am Bauhaus waren. Und manche Meister wollten sie nicht in ihren Fächern, z.B. beim Töpfern, in der Metallwerkstatt oder der grafischen Druckerei. Wir waren halt noch nicht so weit. Sie müssen bedenken, die Kaiserzeit war gerade erst vorbei!

Und dann zogen Sie weiter nach Berlin. Warum?

Ach, wissen Sie, 1931 gewann die NSDAP die Gemeindewahl in Dessau. Denen waren wir zu frei und „nicht deutsch genug“. Ludwig versuchte noch das Bauhaus zu retten, aber die Nationalsozialisten setzten 1932 die Schließung durch. Ich war zu der Zeit ja schon wieder in Berlin, war aber noch immer in Kontakt mit meinen „Bauhäuslern“. Das Bauhaus existierte dann noch kurz als private Einrichtung in Berlin-Lankwitz. Wurde aber 1933 endgültig geschlossen.

Was wurde aus den Bauhäuslern?

Einige gingen ins Ausland und trugen unsere Ideen in die ganze Welt. Nach Tel Aviv zum Beispiel, wo die berühmte „Weiße Stadt“ entstand. Oder nach Nordamerika. Andere wurden von den Nazis in Konzentrationslager gesteckt und überlebten die Zeit nicht. Es gab leider auch welche, die sich mit der neuen Regierung arrangierten. So ist das eben. Aber schauen Sie auf unser Erbe heute: Wir sind immer noch da, und wir leben! Und unser Einfluss ist nach wie vor groß. Das ist doch einmalig, oder?

Da kann ich Ihnen nur zustimmen, Herr Gropius. Vielen Dank für dieses Interview!

Headerbild: Eiermannbau in Apolda ©Thomas Müller; Impulsregion Erfurt-Weimar-Jena-Weimarer Land